Mittwoch, 3. Dezember 2014

Ich stand seit 5 Jahren nicht mehr auf einer Waage

Hallo ihr,
nein, das ist kein Richtig-oder-Falsch-Spiel. Ich wollte das nur einmal gesagt haben. Mehr als 5 Jahre ist es her, dass ich zuletzt auf einer Waage stand.

Warum ich das jetzt erzähle? Nun, erstens habe ich in letzter Zeit so viel belangloses Zeug über meine Joggingrunden geschrieben, dass es vermutlich nicht nur mich genervt hat (da muss dringend ein Themenwechsel her). Zweitens guck' ich mir natürlich auch an, wer hier alles folgt - und einige von euch schreiben ja sogar in ihren Blogs über Essstörungen.
Da dachte ich, vllt. interessiert euch auch ein Teil meiner Story.

Heutiger Teil:
Die Waage

Meine Vorgeschichte
Die Zahlen auf der Waage beeinflussen viele von uns - ob magersüchtig, Bulimiker_innen, Normalgewichtige, Übergewichte,... vollkommen egal. Ein angezeigtes Weniger schüttet Glücksgefühle aus. Es zeigt uns an, dass wir unserem Ziel näher kommen, dass sich unsere Disziplin auszahlt. Erfolg, Stärke und die Motivation, immer noch etwas weiter zu gehen - das alles war für mich die die Waage.

Aber die Waage bedeutete auch größte Qualen (nein, ich übertreibe nicht). Viel zu früh wurde ich von meinen Eltern zu einer ambulanten Therapie geschickt (zu früh, weil ich überhaupt nicht zunehmen wollte). Der Deal mit dem Doc. - long story short: Solange ich nicht unter einen "magischen Punkt" falle - der ungefähr 5 Kilo unter diesem Zustand lag - dürfe ich zu Hause bleiben, mein Abi machen, etc. Gehts drunter, ist das mein one-way-Ticket in die Klinik.
Nun, wie gesagt, ich wollte nicht zunehmen. Aber jetzt musste ich Tricks finden, wie ich irgendwie diesen Arzt und die Waage austricksen könnte (ich komme vom Dorf und mein Arzt war mit Magersucht überhaupt nicht vertraut. Ich wunder mich heute noch, wie einfach das war. Die einzige, die mich voll durchschaut hat, war die eine Arzthelferin...). 
Ich musste also einmal die Woche deutlich schwerer sein - aber lief dabei ja in Gefahr tatsächlich etwas zuzunehmen. Allein das war eigentlich schon fast zu viel. Ich kam vom Arzt - allen vorspielend wie schön es war, 2oog zugenommen zu haben, aber auch ehrlich erleichtert den Arzt ausgetrickst zu haben. Ein anderer Teil in mir wollte nur heulen, da ich so Angst hatte, dass das Mehr keine Trickersei war, sondern echt
Und der Klinik-Deal: Die Waage entschied nun aber auch noch über meine Zukunft. Seitdem hassen wir uns. 

Ich bekam Angst vor der Waage. Denn ich spielte ja allen vor, dass ich zunehmen wolle und aß mit Familie und Freunden nach meiner damaligen Wahrnehmung "viel zu viel", was natürlich (Achtung: Ironie) am nächsten Tag kompensiert werden musste. Wenn ich - warum auch immer - einen Tag nicht auf die Waage konnte, stieg ich einen Tag später mit Herzklopfen und Angstschweiß drauf. Hatte ich 10kg über Nacht zugenommen? - Natürlich nicht - aber die Angst blieb.

Was dann geschah:
Dann kam endlich das Abi und der Umzug nach Hamburg. Meine Eltern halfen dabei. Alles war fertig, aber ich hatte keine Waage. Eine Woche lang nicht. Danach war die Angst so groß, dass ich mich nicht draufstellen konnte. 
Wenn ihr so wollt, bist heute nicht.
... trotz der Phobie, die sicherlich ziemlich crazy ist: Irgendwo war es ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Wie es mir heute damit geht:
Ich kann nicht schätzen, wie schwer ich bin. Fakt ist, dass ich das letzte Mal auf der Waage stand, als ich einen BMI von etwa 14 hatte. 
Natürlich habe ich zugenommen

Spenden- und Kostümlauf im Oktober 2014. Ich bin die zerfleischte Läuferin in der Mitte

Und ja, ich hasse es - wie die Pest. Ich will nicht triggern, aber wieso lügen. Aber ich kenne mich gut, und weiß, dass ich meinen Körper noch nie annehmen konnte. Auch nicht mit einem BMI von 14. Fotos habe ich damals gehasst und ich hasse sie jetzt.  

Aber der Unterschied ist, dass ich heute so leistungsfähig bin, wie noch nie in meinem Leben und eigentlich  wieder fröhlich sein kann.

Mein Leben dreht sich nicht mehr nur um Zahlen auf der Waage. 
Meine Phobie hat sich nicht gebessert. Zum Glück wird man im Alltag selten von Waagen angegriffen, darum lebe ich ganz gut damit. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn ich in Zahlen sehen würde, was ich wiege. 
Ich versuche auf meinen Körper zu hören: Bei Signal "Hunger" kriegt er Essen. Bei Heißhunger auf Käse, Schoki, oder was auch immer, gibt's dann eben das. Denn ich denke, der Körper braucht das wohl, sonst würde er nicht danach schreien. 

Schluss:
So, ich wollte euch einmal einen Einblick in meine Zeit mit der Magersucht geben und zeigen, wie sie mich bis heute "verfolgt". Vllt. erkennt sich der/die eine oder andere ja wieder. Mir persönlich hat es immer am meisten geholfen, wenn ich von anderen Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken hörte. Dann fühlte ich mich nicht mehr so allein und unverstanden.

Für euch andere war es hoffentlich auch ein bisschen interessant.

Falls ihr sowas hier nicht wieder lesen wollt, dann schreibt mir das bitte in die Kommentarbox.

 


 




Kommentare:

  1. Ich finde das sehr intressant. Das soll jetzt weder böse noch sonstwas sein, aber ich finde Essstörungen intressant. Mein Freund z.B kann nicht verstehen wie man so eine Krankhheit haben kann. Er würde sagen: Ja dann soll man halt einfach essen.
    Aber dier Zwang und der Druck, das kann er nicht verstehen. Ich hab mich viel damit befasst, ich hatte in meiner Teenager zeit auch eine Zeit in der ich fast nix gegessen habe. Aber irgendwie hat sich das von alleine wieder verflüchtigt. Warum kann ich nicht sagen, aber ich glaube ich esse einfach gerne...
    Aber gerade deswegen interessiert mich die Psyche hinter der Essstörung. Ich bin schon auf so viele wirklich furchbare Blogs gestoßen und war richtig verstört was diese Mädchen durchmachen und hab mich auch gefreut wenn eine schon die Kurve bekommen hat.

    Also ich hoffe niemand der Leser der hier eine Essstörung hat (oder auch du EmKa) nimmt das jetzt falsch auf, ich denke das ist wirkliche in schweres Thema..

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    1. Ach Quatsch, wenn ich mit deinem offkundigen Interesse nicht umgehen könnte, dann hätte ich solch einen Post nicht veröffentlicht. Danke für deine Offenheit.

      Deinem Freund kannst du sagen, dass Esstörungen meistens gar nichts mit dem Essen zu tun haben. Klingt jetzt komisch, aber das "Nicht-Essen" ist mehr ein Symptom für etwas, dass darunter liegt. Darum ist es auch - meiner Meinung nach - einfach das allerverkehrteste Magersüchtige zum Essen zu zwingen (Außnahme natürlich, wenn der Körper schon schlapp macht). Kann aber auch sein, dass mir da Leute widersprechen.

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  2. Danke für diesen Post! Als eine jener Bloggerinnen, die so einen Blog führt, in dem ich immer wieder meine Magersucht thematisiere, kann ich nur sagen, dass ich mich in vielen deiner Worte wieder erkenne. Und ich kann mir auch vorstellen, dass es keine ganze Portion Mut gebraucht hat, das hier zu veröffentlichen. Ich denke mir aber immer, wenn wir, die Betroffenen nicht darüber sprechen, dann können die anderen uns auch nie verstehen, weil wir eben Ängste haben, die sie nicht haben.

    Schön, dass du mittlerweilen so gut damit umgehen kannst!

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    1. Dabke für deinen Kommentar. ich habe mir auch gerade mal deinen Blog angeguckt: Fit is the new Skinny - du hast eine neue Followerin :D

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  3. als du dich auf dieses Blog vorgestellt hast hast du ja schon erwähnt, dass du essprobleme hattets und ich habe auf einen solchen post wie diesen sehr gewartet, weil ich halt nur den teil der medaille kenne, wo man übergewichtig ist und eher zu viel in sich rein stopft. mit dir habe ich das gefühl dass du strukturiert dein verhalten refklektieren kannst und das interessiert mich sehr. nicht umsonst ist magersucht bzw bulimie eine der schlimmsten krankheiten der welt.

    also bitte mehr von dieser seite der gewichtsprobleme

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